Mitten im Dorf steht ein Bauwerk, das Holpe seit vielen Jahrhunderten begleitet – und das mehr Geschichten in seinen Mauern trägt, als man ihm auf den ersten Blick ansieht. Der Chorraum stammt aus dem späten Mittelalter, eine der Glocken trägt sogar ein Pilgerzeichen aus Loreto und im Gewölbe über Ihnen verstecken sich kleine, fast verspielte Figuren, die so gar nicht zu einer Kirche passen wollen.
Doch das ist längst nicht das Spannendste: Holpe lebte eine Zeit lang buchstäblich „anders“, während das Nachbardorf schon nach neuen Regeln funktionierte – und das sorgte für sehr ungewöhnliche Feiertage.
Liebe Besucherinnen und Besucher, haben Sie sich schon einmal gefragt, was der Ortsname „Holpe“ eigentlich bedeutet?
Das Holpe-Bachtal war früher ein sumpfiges, dicht bewaldetes Gebiet. Die Menschen hier verdienten ihren Lebensunterhalt als Holzfäller oder als Köhler – sie stellten Holzkohle her, die damals für Schmieden und Werkstätten ein unverzichtbarer Brennstoff war.
Die Endung „-olpe“ bedeutet übrigens „Ansitz in der sumpfigen Schlucht“ oder „Ansiedlung im morastigen Tal“.
Als Holpe im ausgehenden Mittelalter missioniert wurde, tauchte der Ort 1575 auf einer der ältesten Landkarten Europas auf – der berühmten Mercator-Karte, gezeichnet vom Gelehrten Gerhard Mercator. Dort steht der Name „Merrien Höllfe“, was in heutiger Sprache „Marienhilfe“ bedeutet.
Sie stehen jetzt vor der evangelischen Kirche in Holpe. Sie ist der geschichtliche Ausgangspunkt unseres Ortes. Die Kirche wurde der Gottesmutter Maria geweiht – also zu ihren Ehren erbaut.
Die älteste Glocke dieser Kirche läutet hier schon seit über 500 Jahren. Sie trägt die Inschrift:
„Ihesvs is der namam min on Maria der ionfrav fin anno domini 1508.“
Sinngemäß heißt das: „Jesus ist mein Name – und Maria die Jungfrau.“ Dazu das Datum: im Jahr des Herrn 1508. Ihr Schlagton liegt zwischen E und F.
Als diese Glocke vor einigen Jahren renoviert wurde, zeigte sich etwas ganz Außergewöhnliches: Die Glocke trägt den Abdruck eines Pilgerzeichens aus dem italienischen Wallfahrtsort Loreto. Loreto zählt zu den ältesten Marien-Wallfahrtsorten Europas – ein Ort, an dem Pilger seit Jahrhunderten Kraft und Segen suchen.
Die zweite Glocke der Kirche kommt aus dem Bergischen, aus Lindlar. Sie wurde 1672 gegossen und trägt die Inschrift:
„Tilmān(n)us Fabricius von Winterhagen, Pastor hieselbst, Johann Demmer, Scholtheis Godfrit Helling, gosz mich anno 1672.“
Der Schlagton dieser Glocke ist ein G.
Diese Kirche ist im Zusammenhang mit den sogenannten „Bonten Kerken“ im Oberbergischen zu sehen. „Bonte Kerken“ bedeutet so viel wie „bunte Kirchen“, denn ihre Gewölbe waren farbig ausgemalt.
Das spätgotische Gewölbe von 1480 ist mit sogenannten Drolerien verziert. Das sind keine theologischen Darstellungen, sondern weltliche, profane Motive – also kleine Alltagsszenen, die damals bewusst als humorvolle oder menschliche Abwechslung zur sonst rein religiösen Kirchenkunst eingebaut wurden.
Auf den Blütenkelchen sehen Sie kleine Figuren, die fröhlich der Jagd und dem Landleben nachgehen: Eine Figur schießt mit Pfeil und Bogen auf ein Eichhörnchen, ein anderes spielt auf der Laute, ein weiteres bläst das Horn zur Jagd – und das letzte spielt auf einer Schalmei.
Die Malereien sind in Secco-Fresco-Technik ausgeführt. Das bedeutet: Der Künstler brachte die Farbpigmente auf den schon getrockneten Putz auf. Das ermöglichte mehr Flexibilität – Änderungen konnten leichter vorgenommen werden. Allerdings ist diese Technik weniger langlebig als die klassische Fresco-Technik auf nassem Putz. Die Gemälde neigen mit der Zeit dazu, abzublättern und zu verblassen.
In den 1950er Jahren wurden die Malereien daher stark renoviert – teils sogar neu gemalt, da eine vollständige Restaurierung zu aufwendig schien und der Erfolg ungewiss war.
An den Enden des Kreuzrippengewölbes sehen Sie interessante Köpfe. Wer genau hier abgebildet wurde, ist leider nicht bekannt.
Auch vor den 1950er Jahren gab es weitere Umbauten: Von 1670 bis 1672 wurde der niedrigere Vorgängerbau, der bereits an den gotischen Chor angebaut war, erhöht. Die Fenster wurden dabei neu verteilt, und man setzte ein steiles Satteldach über das gesamte Bauwerk.
Wenn Sie außen an der Kirche entlanggehen, können Sie bis heute Spuren dieser Umbauten entdecken – etwa zugesetzte oder veränderte Fensterbögen, die gut zeigen, wie der Bau über die Jahrhunderte immer wieder angepasst wurde.
Hier in der Kirche können Sie außerdem etwas entdecken, das für unsere Region ganz typisch ist: einen dreistufigen Altaraufbau – die sogenannte Bergische Trilogie. Unten steht der Altartisch, darüber befindet sich die Kanzel, und als Bekrönung steht ganz oben die Orgel.
Diese Anordnung veranschaulicht, was Martin Luther über das Wesen des Gottesdienstes gesagt hat: Gott dient uns mit seinem Sakrament (Altar) und seinem Wort (Kanzel). Die Gemeinde antwortet mit Gebet und Lobgesang (Orgel).
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erhielt die Kirche den heutigen Altaraufbau mit dem achtseitigen Kanzelkorb. Engelsköpfe und Masken schmücken ihn – typische barocke Formen, die damals sowohl Schutzsymbolik als auch Gestaltungslust ausdrückten.
Der Altartisch aus Eiche, verziert mit feinen Reliefschnitzereien, stammt aus dem 18. Jahrhundert.
Auf diesem barocken Altaraufbau – direkt über der Kanzel – befindet sich die barock disponierte, mechanische Schleifladenorgel mit elf Registern, gebaut von der Firma Kreienbrink im Jahr 1983. Das ist genau die Orgel, die Sie zu Beginn dieser Station gehört haben.
An drei Seiten des Langhauses befinden sich Holzemporen mit bemalten Brüstungen. Rechts vorne im Chor, in der Fensterlaibung, sehen Sie eine fast lebensgroße Darstellung – vermutlich des Apostels Bartholomäus. Es ist gut möglich, dass sich früher solche Figuren in allen Fensterlaibungen befunden haben. Diese hier ist jedoch die einzige, die die Zeit überstanden hat.
Nahe der Kirche, direkt an der Kreuzung, stand früher einmal eine große, rund 500 Jahre alte Linde. Sie war so alt und so mächtig, dass sie mit stützenden Eisenbändern zusammengehalten werden musste. Leider fiel sie der Verkehrsentwicklung in der Mitte des 20. Jahrhunderts zum Opfer und wurde gefällt.
Haben Sie schon einmal davon gehört, dass eine Kirchentür vernagelt und das Schloss mit einer eisernen Platte verschlossen wurde? In Holpe ist genau das tatsächlich passiert.
Im Jahr 1565 wurde die Kapelle von den Grafen von Homburg zur „Mutterkirche“ erhoben. Damit war sie von Morsbach unabhängig, und ein neuer Pfarrer wurde eingesetzt. Die bergische Regierung sah dies allerdings als Eingriff in ihre eigenen Rechte.
Und so marschierte der Windecker Landbote – der damalige Polizeichef – mit 100 Mann nach Holpe und verlangte die Herausgabe des Kirchenschlüssels. Doch ohne Erfolg – denn die Holper waren wehrhaft und gaben den Schlüssel nicht heraus.
Daraufhin vernagelten die Windecker die Kirchentür und setzten eiserne Platten über das Schloss. In der Folge kam es zu zahlreichen Prozessen und Zeugenanhörungen. Schließlich setzten sich die Homburger durch, und die Tür wurde wieder geöffnet.
Im selben Jahr fiel der neue Pfarrer Paulus mit seiner Gemeinde von der römischen Kirche ab – die Reformation wurde eingeführt.
Bis 1624 nutzten katholische und evangelische Christen die Kirche simultan, also gemeinsam. Doch 1670 verloren die Katholiken die Kirche endgültig – einschließlich Pfarrhaus, Grundbesitz, Renten und Stiftungen.
Von 1670 bis 1718 sollen die katholischen Geistlichen ihren Gottesdienst in einem Privathaus in Holpe gefeiert haben. Erst 1718 wurde dann wieder eine katholische Kapelle im Ort errichtet.
Doch noch einmal zurück ins 16. Jahrhundert: Im Jahr 1582 wurde in Morsbach der gregorianische Kalender eingeführt – jener Kalender, der auch heute weltweit üblich ist. Damals wurden einmalig zehn Tage übersprungen: Auf den 2. November folgte direkt der 13. November.
In Holpe jedoch blieb man zunächst beim julianischen Kalender. Und diese unterschiedliche Zeitrechnung führte zu Situationen, die man sich heute kaum noch vorstellen kann: Wenn in Holpe Pfingsten gefeiert wurde, war in Morsbach bereits Fronleichnam. Wenn in Morsbach die Sonntagsglocken läuteten, arbeiteten die Holper noch ganz normal auf ihren Feldern. Und wenn die Protestanten in Holpe Weihnachten feierten, hatten die Katholiken in Morsbach schon längst das neue Jahr begonnen.
Diese unterschiedlichen Kalender führten über Jahre hinweg zu Missverständnissen, Doppelterminen und einem chaotischen Nebeneinander von Festen, Gottesdiensten und Alltag – ein kleines, aber eindrucksvolles Beispiel dafür, wie tief die Reformation in das tägliche Leben der Menschen eingriff.
Wenn Sie nun die Kirche hinter sich lassen und zur Straße hinüberschauen, sehen Sie schon die nächste Station: Direkt gegenüber liegt das evangelische Pfarrhaus – ein Gebäude, das eng mit der Geschichte dieser Kirche verbunden ist und viele Geschichten über Holpes geistliches Leben bewahrt.
















