Dieses Haus war früher weit mehr als nur die Wohnung eines Pfarrers – es war ein kleiner Mittelpunkt des Dorflebens. Hinter den Mauern mischten sich Alltag, Kirchenmusik und Dorfroutine, und im angebauten Konfirmandensaal klangen einst Chorproben durch den Raum. Die verzierten Fenster aus der Zeit um 1900 lassen heute noch erahnen, wie lebendig es hier früher zuging.
Doch das eigentlich Überraschende liegt nicht im Haus selbst, sondern in dem, was früher dazugehört hat: Scheune, Stall, Brunnen, Backhaus – und sogar eine Kuh und Hühner, die hier zum ganz normalen Pfarralltag gehörten.
Vor Ihnen steht das ehemalige evangelische Pfarrhaus. Es wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut – ein stattliches Gebäude, das noch heute vom Leben der damaligen Dorfgemeinschaft erzählt.
Um das Jahr 1900 wurde das Haus erweitert: Es entstand der sogenannte „Konfirmandensaal“ – ein Fachwerksaal mit spitzbogigen, gotisierenden Fenstern, deren verzierte Holzrahmen im Sonnenlicht schimmerten.
Dieser Saal war das, was wir heute ein Gemeindehaus nennen würden. Hier wurde geprobt, gesungen und gefeiert – ein Ort des Miteinanders.
Von 1918 bis 1929 wirkte hier Pastor Friedrich August Aring. Die Kirchenmusik lag ihm besonders am Herzen. So gründete er sowohl einen Posaunenchor als auch einen Kirchenchor.
Auf sein Betreiben hin entstand 1920 die „Oberbergische Posaunenvereinigung“ – ein Zusammenschluss, der bis heute besteht. Aring leitete die Chorproben meist selbst und begleitete die Sängerinnen und Sänger auf einem Harmonium.
Können Sie sich vorstellen, dass zum Pfarrhaus früher auch eine Scheune und ein Stall gehörten – mit Kuh und Hühnern?
Der Landpfarrer war damals längst nicht nur Seelsorger, sondern auch Bauer, der seinen eigenen Hof bewirtschaftete. Üblicherweise gehörten zu einer Kirche auch gleich mehrere Morgen Land.
Ländliche Pfarrhäuser unterschieden sich deutlich von den Bauernhäusern der Umgebung. Während dort Mensch und Vieh oft nur durch eine Wand getrennt unter einem Dach lebten, baute man beim Pfarrhaus Wohn- und Nebengebäude getrennt. Das verlieh dem Ganzen eine ruhigere, geordnetere Struktur – fast ein Sinnbild für die Rolle des Pfarrers im Dorfleben.
Das Haus, vor dem Sie gerade stehen, wurde bis 1966 als Pfarrhaus genutzt. Dann war es sanierungsbedürftig, und man entschied sich, ein neues, modernes Pfarrhaus in der Straße „In der Au“ zu errichten.
Heute befindet sich das ehemalige Pfarrhaus in Privatbesitz – doch seine Mauern erzählen noch immer vom Alltag eines Pfarrers zwischen Glauben, Gartenarbeit und Gemeinschaft.
Ein Pfarrhaus ist ein Gebäude, in dem die Amtsräume oder die Dienstwohnungen von Pfarrerinnen und Pfarrern, Pastoren oder auch sonstigen Seelsorgenden untergebracht sind. Es wird in der Regel von der Kirchengemeinde unterhalten und war früher eng mit den sogenannten Pfründen verbunden. Das waren Einkünfte, die ein Pfarrer aus dem Besitz der Kirche erhielt – also eine Art Besoldung aus Kirchengut.
Einen entscheidenden Wandel brachte die Reformation im 16. Jahrhundert. Mit der Aufhebung des Zölibats – also der Verpflichtung zur Ehelosigkeit – zogen zum ersten Mal Pfarrfrauen und Pfarrfamilien in die Häuser ein.
Damit wurde das evangelische Pfarrhaus nicht nur ein Wohnhaus, sondern auch eine – vor allem in vergangenen Jahrhunderten – bedeutende kulturgeschichtliche Institution. Seit der Reformation war das Pfarrhaus ein herausgehobenes Gebäude in den Gemeinden. In vielen Orten galt es als ein „Hort der Bildung und Bollwerk gegen säkularen Sinnverlust“ – also als ein Ort, an dem Wissen, Glaube und Werte bewahrt wurden, während draußen in der Welt vieles immer weltlicher wurde.
In den Pfarrersfamilien wurden besondere Werte gelebt. Sie gaben Orientierung und prägten oft das soziale und geistige Leben im Dorf.
Pfarrhäuser standen fast immer an einem herausgehobenen Platz in der Gemeinde – auch hier in Holpe. Oft waren sie von weiten, gepflegten Gärten umgeben: Orte der Ruhe, der Begegnung und des Nachdenkens.
Gleich neben dem Schild dieser Station finden Sie schon Station 3: Haus Schild. Dort schauen wir uns an, wie aus zwei Häusern ein einziges wurde.





