Mitten im Dorf steht dieses alte Fachwerkhaus, das früher einmal aus zwei getrennten Gebäuden bestand. In der Mitte verlief ein schmaler Gang, zwei Haustüren führten zu zwei verschiedenen Haushälften – und das Bodenniveau war auf beiden Hausseiten unterschiedlich. Wer heute um das Haus herumgeht, kann diese Spuren der Vergangenheit noch deutlich erkennen.
Direkt gegenüber lag der ehemalige Viehstall, dahinter die große Scheune der Familie Schild. Was heute nach einem ruhigen Innenhof aussieht, war früher ein belebter Bauernhof – und ein Ort, an dem Alltag, Arbeit und Dorfleben dicht beieinander lagen.
Sie stehen hier vor einem interessanten Gebäude: dem Haus und Hof der Familie Schild. Es ist ein ehemaliger Bauernhof – mitten im Dorfkern von Holpe.
Bevor wir uns diesem Gebäude selbst zuwenden, lohnt sich ein Blick darauf, wie die Haus- und Wohnsituation früher in dörflichen Gegenden im Oberbergischen normalerweise aussah.
Können Sie sich vorstellen, mit einer Kuh und mit Hühnern unter einem Dach zu leben? Hier in Holpe war das tatsächlich so.
Die typische Form des bäuerlichen Hauses war das mitteldeutsche Querdielenhaus – ein Wohnstallhaus mit einer separaten Scheune. In einem solchen Wohnstallhaus lebten Menschen, Vieh und ein Teil der Ernte unter einem gemeinsamen Dach.
Die zusätzliche Scheune nahm den Großteil der Halmfrüchte und des Heus auf – und diente manchmal auch der Unterbringung der Schweine.
Der „Backes“, also der Backofen, war meistens ein separates kleines Gebäude. Aber es kam durchaus vor, dass er im Kellergeschoss oder sogar im Kuhstall untergebracht war.
Der Mittelpunkt des Hauses war die Küche. Rechts davon lagen Stube und Kammer, links befand sich der Kuhstall.
Das Fachwerk solcher Häuser war schlicht, zweckmäßig und ohne dekorative Elemente. Als Haustüren verwendete man oft Doppeltüren: Der untere Türflügel blieb tagsüber geschlossen, damit die frei im Hof laufenden Schweine und andere „unerwünschte Besucher“ nicht ins Haus eindringen konnten. Der obere Türteil blieb offen, damit Licht hereinfiel.
Neben dem Türpfahl gab es manchmal eine kleine quadratische Öffnung in der Lehmwand – im Holper Platt „Hoonerlooch“, also ein „Hühnerloch“. Dadurch konnten Hühner und auch Katzen bequem ein- und ausgehen.
Neben der Tür stand fast immer ein Besen aus Birkenreisern, um die Schuhe abzustreifen, bevor man die Küche betrat.
Durch die zentrale Lage der ebenerdigen Küche konnte man von hier aus alle wichtigen Hausbereiche erreichen: die Wohnstube, den Kuhstall, den Keller und das Obergeschoss.
Unter der Treppe befand sich ein mit Brettern abgetrennter Verschlag. Hier saß manchmal die brütende Glucke, die Katze zog ihre Jungen auf einem Strohlager groß – oder es wurde sogar ein Kalb dort aufgezogen.
Der Küchenboden bestand ursprünglich aus gestampftem Lehm. Erst im späten 19. Jahrhundert wurde er mit Bruchsteinen belegt.
Im schwarzen Schlund des Rauchfangs über der Feuerstelle – und später im Kamin auf dem Dachboden – räucherte man Pökelfleisch, Schinken, Speck und Würste. Einen Herd gab es erst ab etwa 1860. Vorher wurde einfach über offenem Feuer gekocht.
Das Dach war mit eingedroschenem Stroh gedeckt, das mit gedrehten Birkenruten auf den Sparren befestigt wurde – Sparren sind die schrägen Holzbalken, die das Dach tragen.
Ein Strohdach hielt ungefähr 30 Jahre. Doch wegen der hohen Brandgefahr verschwanden diese Dächer allmählich, und das letzte Strohdach in Holpe wurde um 1900 abgetragen.
Hier am Haus Schild war jedoch einiges anders als beim typischen Holper Wohnstallhaus. Früher waren das nämlich zwei getrennte Häuser.
In der Mitte – dort, wo Sie heute die Haustür sehen – befand sich ein Gang. Ältere Holper erinnern sich noch gut daran, dass beide Hausteile früher unterschiedliche Bodenniveaus hatten.
Nachdem die Häuser zusammengefasst wurden, bekamen sie zwei Haustüren: Die Vordertür nutzten die Bewohner der rechten Hausseite, die Hintertür die Bewohner der linken Hausseite. Wenn Sie um das Haus herumgehen, können Sie auch heute noch beide Eingänge erkennen.
Anders als bei den meisten Fachwerk- oder Wohnstallhäusern – wie etwa bei Haus Dorfstraße Nr. 3 – sind hier Haus und Stall getrennt. Der ehemalige Viehstall befindet sich auf der gegenüberliegenden Hofseite. Er wurde inzwischen zu einer architektonisch sehr interessanten Wohnung ausgebaut.
Auf der linken Giebelseite zur Straße „Auf dem Kamp“ sehen Sie eine relativ breite Tür. Dort gingen früher die Kühe in ihren Stall hinein.
Hinter dem Gebäude lädt heute ein kleiner Park zum Verweilen ein – in Holpe scherzhaft „der Kurpark“ genannt. Vielen älteren Holpern ist dieser Teil des Grundstücks noch als „Schilds Weiher“ bekannt.
Hier ist es bis heute relativ nass und sumpfig. Ein kleiner „Siefen“ – ein meist nur tröpfelnder Bach – fließt hindurch. Vielleicht gab es hier tatsächlich einmal einen richtigen Teich.
Dahinter sehen Sie ein schönes, großes Fachwerkhaus. Es ist das meistfotografierte Haus in Holpe. Doch lassen Sie sich nicht täuschen: Das Haus wurde erst Ende der 1980er Jahre erbaut – allerdings so gestaltet, dass es nahtlos zur historischen Ortskernbebauung passt.
An dieser Stelle stand früher Schilds Scheune – die große alte Fachwerkscheune, die Sie auf historischen Fotos noch sehen können. Leider gibt es heute nur noch wenige Scheunen in Holpe. Viele wurden zugunsten von Garagenbauten abgerissen.
Wenn Sie später die Dorfstraße entlanggehen, entdecken Sie aber noch einige typische Holper Scheunen, die bis heute erhalten geblieben sind.
Und dort finden Sie auch die nächste Station: die älteste Türinschrift der gesamten Gemeinde Morsbach – eine kleine Zeitreise aus Holz, geschnitzt vor über vierhundert Jahren.




