Station 7: Gesellenhaus

Audioguide – Station 7
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Auf den ersten Blick wirkt dieses Gebäude wie ein schlichtes Haus aus den 1920er Jahren – doch es wurde einst für eine ganz besondere Aufgabe gebaut. Hier trafen sich junge Handwerksgesellen, um zu lernen, Gemeinschaft zu erleben und sich gegenseitig zu unterstützen. Der große Saal, die Wohnungen im Anbau und der markante Treppenturm erzählen noch heute von dieser Zeit.

Doch die Geschichte nahm bald ungeahnte Wendungen: Verschiedene Gruppen nutzten das Haus für eigene Zwecke, es wurde beschlagnahmt, umfunktioniert und schließlich erst nach dem Krieg wieder seiner ursprünglichen Gemeinde zurückgegeben. Kaum ein Gebäude in Holpe hat in so kurzer Zeit so viele Rollen gespielt wie dieses.

Welche Ereignisse das Gesellenhaus geprägt haben und warum es zeitweise weit mehr war als nur ein Treffpunkt, erfahren Sie im Audioguide.

Text zum Mitlesen – Station 7: Das Gesellenhaus

Wissen Sie, was ein Gesellenhaus ist – oder besser gesagt: war?

Sie stehen hier vor dem Gesellenhaus in Holpe. Solche Häuser entstanden im 19. Jahrhundert durch Gesellenvereine, als die Gesellschaft sich vom Handwerk hin zur Industrie veränderte.

Gesellenvereine waren freie Zusammenschlüsse von selbstständigen Handwerksgesellen – und sie bildeten sich sowohl fachlich als auch konfessionell. Konfessionell bedeutet: Sie waren entweder katholisch oder evangelisch organisiert, je nach Glaubensgemeinschaft der Mitglieder.

Das Ziel dieser Vereine war vielseitig: berufliche Weiterbildung, Gemeinschaft pflegen und soziale Unterstützung bieten. Außerdem sollten sie jungen Menschen Halt geben – besonders den katholischen Gesellenvereinen war eine moralisch-religiöse Begleitung wichtig.

Der allererste Gesellenverein entstand 1846 in Elberfeld. Elberfeld ist heute ein Stadtteil von Wuppertal und war damals ein bedeutendes Zentrum der Frühindustrialisierung.

Auch in Holpe gab es einen Vorläufer zu diesem Gebäude: ein Vereinshaus, das 1890 an der Brücke über den Holper Bach gebaut wurde. Es stand allen katholischen Vereinen offen – besonders dem Kirchenchor St. Cäcilia.

Im April 1925 entstand im hiesigen Gesellenverein der Plan, ein richtiges Gesellenhaus zu bauen. Das Grundstück oberhalb des sogenannten Börnchens – also des Marienbrunnens – war ideal.

Geplant wurde ein Haus mit einem großen Saal, einem Anbau mit zwei Wohnungen und einem Treppenturm. Bereits im Februar 1926 begann man auszuschachten.

Im April fuhren Kuh- und Pferdegespanne Splitt von der „Grube Sonne“ zur Baustelle. Die Grube Sonne war ein bedeutendes Eisenerzbergwerk in Volperhausen. Heute sind dort noch die Ruinen der historischen Röstofenanlage als industrielles Erbe erhalten.

Im Juli 1926 wurde dann schließlich im Rahmen einer feierlichen Versammlung der Grundstein gelegt – ein Moment, der für das ganze Dorf große Bedeutung hatte. Denn Holpe baute damit nicht nur im eigenen Dorf, sondern im gesamten Dekanat – also dem kirchlichen Bezirksverband – das erste Jugendheim.

Doch genau wegen dieser Besonderheit wurde Holpe auch beneidet, was später sogar zu spürbaren Schwierigkeiten bei den Finanzierungsverhandlungen mit dem Kreistag führte.

Ein Jahr später, im Juli 1927, konnte der große Saal bereits eingeweiht werden. Der vollständige Bau war 1929 abgeschlossen.

Das Gesellenhaus hat eine bewegte und ungewöhnlich vielfältige Geschichte. Es wurde immer wieder anders genutzt – je nachdem, wer gerade Einfluss hatte oder was die Zeit verlangte.

Im Juni 1935 erstellte die NSDAP-Ortsgruppe einen Benutzungsplan. Das Haus stand nun allen Vereinen und der Jugend beider Konfessionen zur Verfügung – doch die Tage Dienstag, Donnerstag und Freitag blieben weiterhin den katholischen Vereinen vorbehalten.

Doch vier Jahre später, im September 1939, ließ Bürgermeister Heinrich Katzenbach das Gesellenhaus polizeilich beschlagnahmen. So richtete man hier im Jahr 1943 ein Lager für italienische Kriegsgefangene ein.

Die Gefangenen mussten hart arbeiten: Jeden Morgen wurden sie unter Bewachung abgeholt und zu ihren Arbeitsstellen bei den Bauern gebracht.

Ein Jahr später, 1944, wurde der große Saal sogar zu einem Rüstungsbetrieb umfunktioniert – ein Unternehmen aus Düren, das kriegsbedingt evakuiert worden war.

Nach Kriegsende, ab 1948, kam das Gesellenhaus wieder in den Besitz der Kirchengemeinde zurück. Doch es blieb ein Haus im Wandel: Eine Zeit lang diente der Saal zum Beispiel als Reparaturwerkstatt für Fahrräder. Später wurde hier eine Lederwarenfabrik betrieben, und Flüchtlinge fanden hier zeitweise ein neues Zuhause.

Als nach dem Krieg wieder normale Zeiten eingekehrt waren, wurde das Gesellenhaus zum Pfarrheim für die katholische Kirchengemeinde.

Und direkt gegenüber vom Schild des Gesellenhauses liegt bereits die nächste Station: der Marienbrunnen – oder wie die Holper einfach sagen: „dat Börnchen“.

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