Die evangelische Schule ist seit vielen Jahrzehnten das Zentrum des Lernens im Dorf. In diesem Bruchsteingebäude saßen früher Kinder aller Altersstufen zusammen, unterrichtet von nur einem Lehrer, der den gesamten Schulalltag alleine stemmte. Der Tagesrhythmus richtete sich nach dem Leben der Familien – wer morgens erst noch Tiere versorgen musste, kam eben später.
Auf der anderen Straßenseite liegt das ehemalige Lehrerhaus. Schlichte Räume, zwei kleine Wohnungen, später ein Postamt – mehr brauchte es damals nicht. Und doch spielte sich hier ein Schulalltag ab, der heute fast fremd wirkt. Einige Gewohnheiten aus dieser Zeit klingen so ungewöhnlich, dass man zweimal hinhören muss.
Sie stehen jetzt vor der Gemeinschaftsgrundschule in Holpe. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1847. Es ist ein typisches Bruchsteinhaus dieser Zeit und steht heute unter Denkmalschutz.
Landschulen – also kleine Dorfschulen für die Kinder aus umliegenden Höfen – gibt es in Deutschland seit der frühen Neuzeit, ungefähr zwischen 1450 und 1650. Da Kinder in bäuerlichen Familien aber oft auf dem Hof mitarbeiten mussten, wurden Schulen meist nur von wenigen Kindern besucht. Die Schule war da – aber für viele Familien stand die Arbeit an erster Stelle.
In evangelisch geprägten Regionen gewann die Schulbildung dennoch früh an Bedeutung. Man wollte die Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, die Bibel selbst lesen zu können – und das machte Unterricht im Lesen und Schreiben unverzichtbar. In Gegenden mit großem katholischen Bevölkerungsanteil hingegen waren solche Landschulen etwas seltener.
Das Schulwesen lag zu dieser Zeit fest in der Hand der Kirchen. Und ab ungefähr 1600 waren Pfarrer verpflichtet, in jedem sogenannten Kirchspiel – also dem Verwaltungsbezirk einer Kirchengemeinde – eine Schule zu errichten. Das galt auch für Morsbach, und so waren die ersten Lehrer häufig die örtlichen Pfarrer selbst.
Für die Kinder aus Holpe war die Schule in Morsbach jedoch nicht ideal: Sie war zu weit entfernt – und sie war katholisch, während Holpe nach der Reformation überwiegend evangelisch geworden war.
Darum gründete man 1746 im Ort eine Simultanschule – also eine Schule, die beide Konfessionen gemeinsam besuchte. Und diese bestand ganze 101 Jahre bis ins Jahr 1847.
Der Unterricht fand damals in einem angemieteten Saal der späteren Gaststätte „Zur Linde“ statt. Ein einziger Lehrer musste dort alle Jahrgänge gleichzeitig unterrichten – vom kleinen Leseanfänger bis hin zum Jugendlichen, der kurz vor dem Einstieg ins Berufsleben stand.
Ein schöner Zufall, wenn wir an Station 9 – die Kaiserlinde – zurückdenken: Linden waren im Dorf wichtige Treffpunkte und ein Symbol für Gemeinschaft und Ortsverbundenheit. Dass ausgerechnet ein Saal, der später den Namen „Zur Linde“ tragen sollte, zuvor als Schulraum diente, fügt sich im Nachhinein bemerkenswert stimmig in das Dorfgefühl dieser Zeit ein – auch wenn es damals noch niemand wusste.
In den 1840er Jahren erkannte man die Notwendigkeit, der schulischen Bildung mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Der angemietete Schulsaal hatte seinen Zweck bisher erfüllt – doch er war für den Unterricht schlicht nicht mehr geeignet. Und ein einziger Lehrer konnte die Kinder nicht länger angemessen auf ihr späteres Berufsleben vorbereiten.
Darum beschlossen der Bürgermeister, der Pfarrer, der Schulpfleger und die Schulbehörde, zwei Konfessionsschulen zu errichten – getrennt nach evangelischer und katholischer Glaubensrichtung. So wurden 1847 – rund ein Jahrhundert nach der Gründung der alten Simultanschule – eine evangelische Schule im Ortskern und eine katholische Schule am Rand des Ortes gebaut.
Bereits ein Jahr später, 1848, zählte der Schulbezirk Holpe 45 Kinder. Sechs Jahre danach, 1854, waren es durch die Aufnahme des Nachbarortes Wallerhausen bereits 55 Kinder.
Der Verdienst eines Holper Lehrers um 1850 betrug 65 Taler Jahresgehalt. Dazu kamen drei Silbergroschen Schulgeld pro Kind und Monat und sechs Taler Entschädigung für Kinder, deren Eltern nicht zahlen konnten. Insgesamt lag das Einkommen damit zwischen 140 und 160 Talern im Jahr – genug zum Leben, aber weit weg von Wohlstand. Reich wurde man als Lehrer also nicht.
Ab 1854 erhielten schließlich alle Lehrer ein festes Gehalt von 200 Talern – und Schulgeld wurde nicht mehr erhoben. Und 1875 bekam der Holper Lehrer 250 Taler, zuzüglich 60 Taler Alterszulage und 15 Taler fürs Heizen.
Der Lehrplan umfasste Religion, biblische Geschichte, Deutsch – also Lesen, Schreiben, Aufsätze und Sprache – Rechnen und Gesang. Rechnen nahm dabei als Hauptfach die meiste Zeit in Anspruch. Später kamen Handarbeit und Turnen hinzu.
Während der Sommerzeit fand der Unterricht von 8 bis 11 Uhr und von 13 bis 16 Uhr statt. In der Winterzeit begann der Unterricht eine Stunde später, also von 9 bis 12 Uhr und von 13 bis 16 Uhr.
Zwischen 1848 und 1860 legte man den Unterrichtsbeginn dann schließlich für das ganze Jahr auf 9 Uhr morgens fest – weil viele Schülerinnen und Schüler vorher noch das Vieh versorgen mussten.
Viele Eltern schickten ihre Kinder in der Sommerzeit ohnehin nur unregelmäßig in die Schule – oder ließen sie sogar ganz zu Hause helfen: auf dem Hof, auf dem Feld oder im Haushalt. Der Schulalltag musste sich also weiterhin dem Leben der bäuerlichen Familien anpassen.
Im Juni 1908 wurde die Schule vom Kreisarzt aus Waldbröl kontrolliert. Dabei stellte er mehrere Mängel fest: Der Schulhof war zu klein, und der Brunnen lag sehr nah an der Stelle, an der Stallmist gelagert wurde. Diese Miststätte hatte weder eine feste Bodenplatte noch eine Umrandung – Schmutz konnte leicht versickern. Auch die Umzäunung des Schulgrundstücks war heruntergefallen und lag am Boden.
Außerdem stand als „Glanzstück“ eine kleine Laube – ein einfacher überdachter Unterstand – direkt vor der Bedürfnisanstalt, also der Toilette.
Und auch das Lehrerhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite bekam eine schlechte Bewertung: Die Dienstwohnung bezeichnete der Kreisarzt als „eines Lehrers unwürdig“.
Im Jahr 1914 begannen schließlich die dringend benötigten Reparaturen an der Schule und am Lehrerhaus. Während dieser Zeit fand der Unterricht in den Räumen der zweiten Schule im Ort statt – der katholischen Schule.
Während des Zweiten Weltkriegs wurden die beiden Schulen in Holpe zur Deutschen Einheitsschule zusammengelegt. Die ersten vier Schuljahre gingen in das Gebäude der ehemaligen evangelischen Schule, die Klassen 5 bis 8 in die katholische Schule. In dieser Zeit mussten Kreuze und Heiligenbilder jedoch aus den Klassenräumen entfernt werden.
Während des Krieges fiel der Unterricht immer wieder aus: Viele Kohletransporte wurden für die Rüstungsindustrie umgeleitet, Züge fuhren unregelmäßig oder gar nicht, und Schulen wie private Haushalte bekamen nur noch wenig Brennmaterial zugeteilt. Zusätzlich waren die Schulräume oft von Soldaten oder Evakuierten belegt.
Nach dem Krieg kehrte man zunächst wieder zu zwei konfessionsgebundenen Volksschulen zurück. Doch im Jahr 1968 änderte sich das Schulwesen grundlegend: Die Volksschulen wurden durch die Schulreform aufgelöst und in Grund- und Hauptschulen unterteilt.
Die ehemals evangelische Schule wurde damit zur Gemeinschaftsgrundschule Holpe. Ab dem 5. Schuljahr müssen die Kinder seitdem mit dem Bus nach Morsbach fahren. Und das freigewordene Gebäude der katholischen Schule wurde später zu einem Kindergarten umgebaut.
Wenn Sie jetzt einen Blick nach links werfen, sehen Sie direkt an der Straße das ehemalige Lehrerhaus von 1877. Es diente ursprünglich als Unterkunft für zwei Lehrer – und auch dieses Bruchsteingebäude steht heute unter Denkmalschutz.
Ab September 1961 wurde in diesem Haus ein Postamt eingerichtet. Es blieb rund 14 Jahre bestehen und wurde 1975 wegen zu geringer Nutzung geschlossen.
Eine öffentliche Fernsprechstelle – also ein frühes, öffentlich nutzbares Telefon – gab es in Holpe bereits ab 1902, und zwar im vorherigen Postamt, einem inzwischen abgerissenen Fachwerkhaus. Das ehemalige Lehrerhaus befindet sich heute in Privatbesitz.
Können Sie sich vorstellen, dass der Lehrer Ihres Kindes regelmäßig mittags zu Ihnen zum Essen kommt – und Sie ihn verpflegen müssen? In Holpe war das tatsächlich so: Die Eltern waren verpflichtet, den Lehrer mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen.
Jeden Morgen steckte der Lehrer – nach einer selbstgeführten Liste – einen Löffel an das Küchenfenster der Familie, bei der er an diesem Tag essen würde.
Und zur Beheizung des Schulsaals mussten die Kinder außerdem Holz mitbringen, damit der Unterricht im Winter überhaupt stattfinden konnte.
Zur nächsten Station müssen Sie jetzt ein kleines Stück laufen. Gehen Sie einfach links an der Schule vorbei und folgen Sie der Straße. Nutzen Sie als Orientierung gerne unsere interaktive Google-Maps-Karte.
Genießen Sie die Ruhe auf dem Weg dorthin – und freuen Sie sich auf den letzten Abschnitt unserer Tour.



