Der Platz, vor dem Sie stehen, erinnert an einen Menschen, der weit mehr war als ein Künstler. Fritz Wingen wurde hier in Holpe geboren, wuchs nur wenige Schritte entfernt auf und entwickelte eine beeindruckende künstlerische Vielseitigkeit: Er malte, zeichnete, modellierte, komponierte – ein wahrer Universalkünstler eben.
Wingen war aber auch jemand, der Haltung zeigte. Seine Offenheit und sein Mut machten ihn zu einem unbequemen Gegner des Nationalsozialismus. Das kostete ihn seine Freiheit – und schließlich sein Leben. Selbst im Konzentrationslager schuf er weiter Kunst, oft mit improvisierten Mitteln, die kaum vorstellbar sind.
Sie stehen hier vor dem Gedenkstein für Fritz Wingen. Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Wer war Fritz Wingen?
Fritz Wingen war ein Universalkünstler – ein Mensch, der in vielen Kunstformen zu Hause war. Am 11. Mai 2019 hat Holpe mit der Enthüllung eines Gedenksteins und der Benennung des zentralen Dorfplatzes in „Fritz-Wingen-Platz“ diesem Künstler die Ehre erwiesen. 2019 wäre er 130 Jahre alt geworden.
Geboren wurde er am 14. Mai 1889 hier in Holpe – im Gebäude der katholischen Schule, dem heutigen Kindergarten, wo sein Vater Josef Wingen von 1885 bis 1908 als Lehrer wirkte.
Als die Familie 1908 nach Kempen zog, damit die Kinder eine höhere Schulbildung erhalten konnten, folgte Fritz dem Wunsch seines Vaters und besuchte das Lehrerseminar in Kempen. Er bestand die Prüfung mit Auszeichnung und wurde ein Lehrer mit fortschrittlichen und kreativen Ideen.
Doch nach dem Ersten Weltkrieg, an dem er teilgenommen und eine Verwundung erlitten hatte, entschied er sich für einen neuen Weg: Er verließ den Schuldienst und studierte an der Kunstakademie Düsseldorf, um sich ganz seiner Kunst zu widmen.
Vielleicht fragen Sie sich nun: Was bedeutet eigentlich „Universalkünstler“? Damit bezeichnet man jemanden, der in vielen Materialien und Stilrichtungen arbeitet – ein Künstler, der nicht auf eine Form beschränkt ist.
Fritz Wingen konnte zeichnen, malen, schnitzen, modellieren und komponieren. Er schuf Aquarelle, Skulpturen aus Holz und Stein, große expressionistische Gemälde – also Werke mit kräftigen Farben und Emotionen – und biblische Szenen, wie „Die Flucht nach Ägypten“.
Viele Kirchen, zum Beispiel die Matthiaskirche in Berlin, befreite er vom Kitsch der Jahrhundertwende, ordnete sie neu und schuf zum Teil monumentale Kunstwerke.
Auch seiner Heimat – dem Oberbergischen Land – blieb er verbunden. Nach einem Blitzeinschlag am 25. April 1922 in den Turm der Basilika St. Gertrud in Morsbach wurde Fritz Wingen mit der künstlerischen Neugestaltung des Innenraums beauftragt.
Er bemalte die Kirche im expressionistischen Stil – unter anderem mit Szenen aus dem Paradies: Adam und Eva, nackt, wie Gott sie schuf. Einige Gemeindemitglieder befanden diese Bilder jedoch für anstößig und übermalten sie mit schwarzer Schuhcreme. Später wurden die Gemälde hell übertüncht – und von der Arbeit des Künstlers ist nur noch wenig übrig geblieben.
An den Seitenaltären finden sich Bilder, die Maria mit dem Jesuskind nach der Geburt in Bethlehem und Jesus mit seinem Ziehvater, dem heiligen Josef, als Zimmerleute zeigen.
Fritz Wingen war auch musikalisch begabt. Er komponierte mehrere Messen und Kirchenstücke. Erhalten ist nur noch die marianische Antiphon „Regina caeli“ – ein feierlicher Lobgesang an Maria.
Doch dann kam die Zeit des Nationalsozialismus – und sie veränderte alles. Wingen war eigenwillig, mutig und furchtlos. Er trat für Verfolgte, Minderheiten und Misshandelte ein. Seine offene Kritik am Regime hatte schwerwiegende Folgen.
In Berlin zeigte ihn seine Zimmerwirtin an, weil er ein Hitlerbild umgedreht und auf die Rückseite einer Kirche gemalt hatte. Daraufhin erhielt er 1933 Berufsverbot. Sechs Jahre später schloss man ihn aus der Reichskulturkammer aus – was damals ein faktisches Arbeitsverbot für Künstler bedeutete.
Nach mehreren Verhaftungen und Denunziationen – unter anderem durch die österreichische Malerin Margarete Pausinger – wurde er als sogenannter „Staatsfeind“ ins Konzentrationslager Sachsenhausen und später nach Majdanek deportiert.
Am 23. Januar 1944 starb Fritz Wingen dort. Wie genau, weiß man bis heute nicht. Die offizielle Todesursache lautete Herzschwäche – doch vieles deutet auf Verhungern oder Ermordung hin.
Selbst im Lager hörte er nicht auf zu schaffen: Er fertigte Kunstwerke aus den einfachsten Mitteln. Das bekannteste ist die Fadenarbeit „Auferstehender Christus“ – für die er Fäden aus Stoffen zog und Kartoffelstärke als Kleber verwendete.
Und nun zurück zu diesem Gedenkstein. Darauf steht ein Zitat von Clemens Brentano aus dem Gedicht „Sprich aus der Ferne“:
„Alles ist ewig im Innern verwandt.“
Das lässt Raum für Interpretation: Alles ist im kollektiven Gedächtnis – irgendwo in uns – gespeichert. Alles Gute, alles Schlechte. Es kommt darauf an, das Schlimme zu wissen und das Gute immer wieder hervorzuholen, damit es die Oberhand behält.
Die roten Punkte auf dem Stein symbolisieren Blutstropfen – als Mahnung und Erinnerung an den gewaltsamen Tod dieses Künstlers.
Heute sind seine Werke bei Kunstsammlern sehr begehrt. Einige befinden sich im Privatbesitz, andere im Städtischen Kramer-Museum in Kempen am Niederrhein.
Ein so großer Künstler aus einem so kleinen Ort – faszinierend, was hier alles seinen Anfang hatte.
Wenn Sie sich nun umdrehen und ein paar Schritte über den Platz gehen, stehen Sie schon vor der nächsten Station unserer Tour. Und was der Lehrer damals mit einem Löffel im Dorf wollte, erfahren Sie bei Station 13: Die Evangelische Schule und das Lehrerhaus.






